Wiesbaden. Es mag paradox klingen. Doch für Manuela Ott ist
der "Tod zum
Freund" geworden. Als sie zwei Jahre alt war, stellten die
Ärzte bei ihr
Mukoviszidose fest, eine lebensbedrohliche Stoffwechselkrankheit.
Im
März 2000 wurden der Wiesbadenerin an den Mainzer Uni-Kliniken
zwei
Lungenflügel transplantiert.
Von Kurier-Redakteurin
Conny Diergardt
"Der Tod hat mich immer wieder ins Leben geschickt", sagt
die
35-Jährige, die heute mit satter Stimme von dem "Genuss"
spricht, "so
richtig tief durchatmen zu können" und es nicht weniger
"seelig" macht,
beim "fünfstündigen Tango die Männer in Grund
und Boden zu tanzen".
Bereits zwölf Wochen nach der komplizierten Operation kletterte
die
Heilpraktikerin auf den italienischen Altissimo. Auf dem Gipfel
strömten
die Freudentränen. "Da wusste ich, dass ich die Talsohle
in vielerlei
Hinsicht überschritten hatte."
Mit "Was-wäre-wenn"-Fragen hat sich die zierliche
Frau, die in ihrem
jüngst erschienen Buch "Zurück ins Leben" einen
Erfahrungsbericht über
den lebensgefährlichen Eingriff geschrieben hat, nie gequält.
Stattdessen kontert Manuela Ott mit einem scheinbar unbändigen
Lebenswillen: "Ich habe bisher jede Statistik durchbrochen."
Nur ein Jahr lang stand die Wiesbadenerin auf der Warteliste bei
"Eurotransplant" in Holland, bis eine geeignete Spenderlunge
gefunden
war. Statt der üblichen sechs- bis achtstündigen Operation,
lag Manuela
in den Mainzer Uni-Kliniken nur fünf Stunden unter dem Messer.
Wenn
andere Transplantierten nach einem solchen Eingriff ein halbes Jahr
lang
im Krankenhaus bleiben, verließ Manuela Ott die Klinik bereits
nach 18
Tagen. Vier Wochen verbrachte sie anschließend in einer Reha-Klinik.
Sicherlich hatte sie einen "Schutzengel", sagt Ott, die
in der Mainzer
Klinik die Ärzte ("Sie sind ja verrückt") mit
Aerobic-Übungen am
Fensterbrett geschockt hat. Doch geholfen hat der 35-Jährigen
stets eine
eiserne Disziplin. Nie ist sie in eine "Starre gefallen",
hat sich in
den eigenen vier Wänden isoliert.
Ott zog sämtliche Register, um die lebensbedrohliche Stoffwechselstörung
zu bekämpfen Manuela Otts Alltag bestimmten Nächte mit
Nasenschnorchel
unterm Nebelzelt, der zehn Kilo schwere Sauerstoffkonzentrator war
ihr
ständiger Begleiter. Ein fünfstündiger Tango war
damals undenkbar. Fünf
Stunden waren damals allein für das Überleben verplant.
Doch ein oder zwei Tänze legte Ott, die 1988 Deutsche Meisterin
im
Jazz-Tanz wurde, schon aufs Parkett. Und war die Anstrengung noch
so
groß: Die junge Frau, die sich häufig "wie eine
80-Jährige fühlte und
als Jugendliche nicht in eine Disco ging, sondern ihr Testament
schrieb,
", zwang sich, die Treppen im Hausflur zu erklimmen oder rechnete
exakt
aus, ob sie sich "mit den paar Metern bis zum Auto" bei
ihrem
Tagesprogramm nicht überfordert.
1992 und 1996 litt sie unter einer schweren Lungenentzündung.
Manuela
Ott stand an der Klippe zwischen Leben und Tod. Atemnot und
Erstickungsanfälle nahmen dramatisch zu. Die Heilpraktikerin
, die
damals bei einer Größe von 1,63 Meter 46 Kilo wog, erkannte,
dass
Lichtenergie, Meditation und traditionelle Chinesische Medizin nicht
mehr ausreichten. Ott, die "nie Angst vor dem Tod wohl aber
Angst vor
dem Siechtum" hatte, kombinierte fortan Schulmedizin mit alternativen
Behandlungsmethoden.
Den Gedanken an eine Transplantation ("Ein anderer stirbt und
ich kann
leben") verwarf sie zunächst. Doch nach der zweiten schweren
Lungenentzündung sah Manuela Ott die Einpflanzung als eine
"Chance" .
Seit fast drei Jahren lebt sie nun mit dem neuen Organ, wohlwissend,
dass die Lunge unter Umständen nur vier maximal acht Jahre
hält. Doch
Manuela Ott stellt ja keine "Was-wäre-wenn"-Fragen.
Stattdessen
berichtet sie von Glücksgefühlen, dem Neugeboren-Sein,
dem ersten Bad
ohne Nasenschnorchel und erinnert sich, wie sie früher wegen
des
defekten Stoffwechsels und der zu schnellen Verbrennung der Nahrung
"Unmengen essen" musste, um am Leben zu bleiben. Heute
haben sich fast
alles um 180 Grad gedreht bis hin zu banalen Diäten, um nicht
zu
zunehmen. "Heute gibt es ganz oft ein erstes Mal."
Manuela Ott: "Zurück ins Leben", 256 Seiten, Selbst-Verlag,
Wiesbaden
2002, 20 Euro. Mit beigefügtem Organspende-Ausweis. Zu bestellen
unter
0611/s3602935.
www.manuela-ott.de